Kinder des Mais

Maisfelder haben nicht erst seit Stephen Kings Roman von 1977 etwas Bedrückendes. Ich persönlich finde die gruselig. Eingeschlossen von hohen Pflanzen, kann man selbst als Erwachsener schnell die Orientierung verlieren. Nicht umsonst sind häufig künstlich angelegte Labyrinthe in Maisfeldern zu finden. Beste Voraussetzungen also, Otti hier das erste Mal komplett abzuleinen? Eigentlich vollkommen bescheuert, aber im Grunde genommen spielt es keine Rolle, ob er im Maisfeld stiften geht, im Wald oder auf freiem Feld.

Nachdem Kira gestern nach gelungener OP aus dem Krankenhaus abgeholt wurde, muss Otti durch die permanente Unterbringung im Auto auch wieder zu seinem Recht kommen. Also verschaffe ich ihm Bewegung und mir einen heftigen Adrenalinkick. Denn der einzige Weg zurück nach Hause, ohne an Straßen entlang zu laufen, führt durch ein Maisfeld. Einzig ein schmaler Weg bringt uns dem Heimweg näher. Allerdings ist der teilweise so schmal, dass Otti und ich nur hintereinander laufen könnten. So könnte ich auch einen Bollerwagen hinter mir her ziehen. Also mache ich kurzerhand die Leine ab und hoffe auf das Beste in meinem Hund.

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Otti blickt äußerst verwirrt, als ich loslaufe und keine Leine an seinem Hals hängt. Erst als ich ihn nach mehreren Metern Abstand rufe, ohne mich umzudrehen realisiert er, dass ihm nun die Hundewelt offensteht. Ich höre Hufschlag und Otti fegt an mir vorbei, dreht sich kurz darauf um und kommt schwanzwedelnd zurück. Ich kann mich täuschen, aber ich glaube ein Grinsen in seinem Gesicht zu sehen? Otti umkreist mich, verschwindet im Maisfeld, kommt zurück und ist das erste Mal in seinem Leben einfach ein Hund. Er genießt. Ich auch. Denn das ist es, was ich mir unter meinem Kumpel Hund vorstelle.

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Weil das Laufen ohne Leine so hervorragend funktioniert und Otti tatsächlich jedes Mal kommt, wenn ich ihn rufe, nehmen wir noch diverse Umwege über Feldwege bis nach Hause. Auch wenn ich Otti gelegentlich mehr erahne als dass ich ihn sehe weiß ich, dass er irgendwo in meiner Nähe ist. Ich sehe ihn dann auf dem Feld rechts von mir oder als Schatten links von mir im Mais. Aber immer kommt er kurz darauf zurück. Nach etwas über drei Monaten habe ich endlich einen echten Hund.

Ach ja: Die unzerstörbare, von Otti dennoch durchgekaute Hundebox >>> wurde vom Hersteller anstandslos und unbürokratisch ersetzt, bzw. es wurde der Betrag gutgeschrieben. Nun suchen wir eine Hundeaufbewahrungsmöglichkeit, die der Kampfhund im Terrierkostüm nicht gleich zerlegt.

2 Gedanken zu „Kinder des Mais“

  1. Nachtrag –
    hier ist ja erst das Ende Ihrer köstlichen, lehrreichen und sehr persönlichen Hunde – Mensch – Beschreibung… war durch die „Tierschutzfest-Annonce“ etwas irritiert…
    Nochmals vielen Dank und alles, alles Gute…
    C.H.

    1. So viel Lob auf einmal 🙂
      Vielen Dank dafür und wenn Otti und ich dazu beitragen können, dass man sich doch für einen „Gebraucht“hund entscheidet, dann hat die Seite schon ihren Zweck erfüllt.

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