„Mist, ich habe die Wattebäuschchen vergessen …“

In letzter Zeit bekomme ich Hals und zwar einen richtig dicken. Und dieser Hals hat einen Grund. Er heißt Hundeerziehung. Ich habe meinen Hund seit jetzt 11 Monaten, knapp zwei Wochen darauf hatte ich die ersten Kontakte mit Hundeschulen. Und schon damals – ohne jegliche Erfahrung – habe ich für mich festgelegt, dass die Erziehung mit Leckerlies keine echte Erziehung, sondern nur eine kurzfristige Konditionierung oder schlimmstenfalls nur Ablenkung von Fehlverhalten sein kann. Deswegen habe ich mir eine Hundeschule ausgesucht, in der Leckerlies zwar eingesetzt werden können, um ein erwünschtes Verhalten in der Lernphase zu konditionieren, aber deren Schulungssystem nicht einzig darauf abzielt, den Hund bei jeder Aktion zu füttern.

Ich lese Rütter, Nowak, Millan und andere, gehe zum Hundetraining, durchforste Internet-Foren und tausche mich mit zahlreichen Hundehaltern aus. Ich will lernen, verstehen und besser werden in der Kommunikation zwischen Mensch und Hund. Ich nehme dabei nicht blind jeden Tipp an, sondern entscheide selbst, was sinnvoll sein und mich weiterbringen könnte, denn nur ich kenne meinen Hund und dessen Verhalten.

Wenn ich allerdings in Foren und in Beiträgen wie diesem >>> (ab Minute 40:08) mit dem Thema „gewaltfreie“ Hundeerziehung konfrontiert werde, platzt mir bald der Hintern. Da dozieren Menschen darüber, dass allein das Wort „Nein“ und die Begrenzung des Hundes Gewaltausübung seien. Man sollte den Hund lieber positiv bestärken, wenn er erwünschtes Verhalten zeigt. Im Klartext: Macht der Hund etwas richtig, bekommt er ein Leckerlie in den Rachen gestopft. Mir stellt sich nur die Frage, wie der Hund dabei erkennen soll, was unerwünschtes Verhalten ist? Wie soll der Hund assoziieren, dass seine Handlung nicht erwünscht ist, wenn er gar nicht weiß, dass er etwas falsch gemacht hat und was von ihm erwartet wird? Ich kann einen Hund doch nur korrigieren, wenn er sich falsch verhält und zeige ihm somit, dass dieses soeben gezeigte Verhalten nicht toleriert wird.

Ähnliches erlebe ich regelmäßig im Tierschutz. Sind wir mit Tierheim-Hunden unterwegs, sollen diese an der Schleppleine laufen und „Spaß haben und schnüffeln dürfen“. Gassigehen an der kurzen Leine ist nicht erwünscht, weil dieses ja Erziehung des Hundes bedeutet. Tierheimhunde sollen also beim Ausführen machen dürfen, was sie möchten. So ist es als Standard festgelegt, egal ob es dem Hund hilft oder nicht. Da ich allerdings nicht weiß, welches Verhalten der mir unbekannte Hund gegenüber ebenfalls ausgeführten Artgenossen und den die Schleppleine tragenden Menschen zeigt, ignoriere ich das. Sicherheit gibt mir nur die kurze Leine, eine Schleppleine ist ein Trainingsinstrument zur Erziehung. Und genau diese kurze Leine hilft mir, Konfrontationen zwischen Hunden zu verhindern, da ich den Hund nur so aus seinem unerwünschten Verhalten – nämlich dem Fixieren und Pöbeln anderen gegenüber – aus der Situation nehmen kann. Ich muss nicht erst mühsam 10 Meter Schleppleine aufwickeln, ich habe den Hund sofort unter Kontrolle.

Genau so erziehe ich auch meinen Hund. Ich kann beim Gassigehen das Weglaufen in Richtung anderer Hunde nur mit dem Begrenzen und einer klaren Anweisung erreichen. Würde ich hier mit positiver Bestärkung – also dem Winken mit Leckerlies oder einem Spielzeug – arbeiten, schaffe ich nur einen weiteren Reiz, der den ersten – nämlich den anderen Hund – nur kurzfristig übertünchen würde. Ich will aber, dass mein Hund von allein abwartet, bis ich ihm erlaube, sich dem anderen Hund zu nähern. Nicht jeder Hundehalter oder Hund ist glücklich darüber, wenn ein zwar freudig erregter, aber dennoch unangeleinter Hund auf jemanden zustürzt.

Also liebe Heititei-, feinifeinifeini- und Wattebausch-Fraktion (danke für diese überaus zutreffende Wortwahl, Herr Frey-Dodillet!), mein Hund erfährt Konsequenz, Lob und Zuwendung in allen seinen Handlungen. Hunde selbst bringen uns bei, wie sie untereinander kommunizieren. Mit kurzen knappen Anweisungen, mit ausgeprägter Körpersprache und dem gelegentlichen Biss. Kein Hund ist darüber böse, er weiß genau, was unerwünschtes Verhalten ist, wenn ihn der Leithund korrigiert. Warum sollte ich als Mensch und Halter also etwas Neues erfinden, was dem Hund vollkommen unverständlich ist?

Mit Sicherheit mache ich noch genug Fehler in meiner Körpersprache, verpasse das Timing oder erkenne Situationen zu spät oder auch noch gar nicht. Doch mein Hund dreht nicht in den Wald ab, um zu jagen. Wie sagte es der Hundetrainer und Tierschützer Normen Mrozinski >>> so überaus treffend?

„Auch ein Reh hat ein Recht darauf, dass der Hund es in Ruhe lässt.“

Und das erreiche ich langfristig nicht ausschließlich mit Leckerlies und/oder Spielzeug!

 

 

3 Gedanken zu „„Mist, ich habe die Wattebäuschchen vergessen …““

  1. Schade nur, dass so gerne über „positive Verstärkung“ geschrieben wird, obwohl der Schreiber offensichtlich nicht verstanden hat, dass es sich dabei weder um eine Bestechung mit Leckerli noch um ein Vollstopfen mit derselben handelt. Menschen, die sich über Heitideitis und Wattebauscher lustig machen, würde etwas Weiterbildung nicht schaden, Ihre selbst zusammen geschusterten Theorien über belohnungsbasiertes Hundetraining zeigen einmal mehr, dass noch viel Aufklärungsbedarf besteht. Nur leicht an der Oberfläche kratzen genügt oft nicht. Grüße, Anke M. Hofer

  2. Sehr geehrte Frau Hofer,

    weder schreibe ich über „selbst zusammen geschusterte Theorien“, noch „kratze ich nur an der Oberfläche“. Hätten Sie den Text auch sinngemäß erfasst und nicht nur überflogen, wäre ihnen aufgefallen, dass ich mich informiere und weiterbilde, auch über positive Verstärkung lerne und dennoch zu dem Schluss komme, dass es nicht ausschließlich das ist, was mich und meine Hunde weiterbringt. Ich nehme das beste von allen und versuche dies umzusetzen.

    Wenn ich dann lese (und das kann ich nur mit ausreichend guter Laune), wie in gewissen Foren über „gewaltfreie Erziehung“ (bitte definieren Sie diesen Begriff) doziert und gestritten wird, falle ich regelmäßig vom Glauben ab. Gerade einige selbsternannte Tierschützer haben sich ja in dieser Hinsicht mit dem Versuch des Auftrittsverbotes zu Cesar Millan negativ hervorgetan. Aber das gehört nicht hier her. Es geht hier um Menschen, die ausschließlich nur schwarz oder weiß sehen und die „die eine Methode“ für gottgegeben erachten. Das an sich wäre o.k., wenn sie nicht nun zwanghaft versuchten, ihr Heititei über alles und jeden zu stülpen und alles andere zu verdammen.

    Ich bedanke mich für Ihren Eintrag, auch wenn wir beide völlig gegensätzlicher Meinung sind. Denn ich habe selbst erlebt, wie Hunde in Hundeschulen mit Leckerchen vollgestopft werden.

    Beste Grüße
    Michael Schulz

  3. Heititei… der Ausdruck gefällt mir! Bis jetzt habe ich die Leute als Helikopter-Eltern eingestuft, die ihre Vierbeiner vermenschlichen….

    Nicht jeder ist in der Lage mit Hunden umzugehen! Aber die Person kann es lernen, wenn sie sich die Natur als Beispiel nimmt!

    Wie Cesar es von seinem Großvater gelernt hat „nicht gegen Mutter Natur“ arbeiten.

    Mit hundefreundlichen Grüßen
    Leon Meisel
    vom Dog-Motel

Kommentar verfassen